Hutzgüri Sissach
Am Abend nach Aschermittwoch ist das Sissacher Hutzgüri unterwegs

«Hutzgüri geri, Stockfisch mit Eri x Hutzgüri, schüttle di»

Schon bereits seit zwanzig Jahren macht das Hutzgüri wieder Sissach unsicher. Immer am Donnerstag nach Aschermittwoch erscheint das Untier mit seinem Gefolge im Schlepptau, um lärmend und schnaubend Gaben zu erheischen.

Von Heiner Oberer*

-Eine erste Erwähnung des Hutzgüris verdanken wir einer Klage eines Sissacher Pfarrers, der 1599 notierte, dass am Hirsmontag, dem heutigen Fasnachtsmontag, junge Burschen «abgötterey mit einem vermumten schönbart» trieben, «dem sie sagen den Gytzgyr». Um das Jahr 1600 wird die Heischegestalt auch aktenkundig in Tenniken und Wintersingen. Die Bezeichnung «Gytzgyr» finden wir auch im Schweizerdeutschen Wörterbuch, dem Idiotikon, wo ferner für das fricktalische Wittnau «Horzgiri», für Basel «Hutzegiri», für Nidwalden «Gotzgüri» und für das Oberbaselbiet als weitere Variante «Hundsgürigee» angegeben wird. Das Idiotikon vermutet, dass «-güri», «-giri» von «Ungeheuer» kommt, während sich für den ersten Wortteil («Hotz», «Hutz») «hutzen» (= hüpfen, aufspringen) anbietet, was das Hutzgüri ja bekanntlich auch tut, um seine Schellen und Glocken zum Erklingen zu bringen. Heidnischer Heischebrauch Das Hutzgüri ist also ein heidnischer Heischebrauch. Dieser Brauch reicht gemäss den Forschungen des im Jahr 2000 verstorbenen Gelterkinder Heimatkundlers Eduard Strübin bis weit in die alemannische Zeit zurück. Die Fasnacht im heutigen Sinn war damals noch längst nicht «erfunden». Trotz den verkleideten Personen mit Masken und alten Kleidern hat der Brauch also nichts mit der Fasnacht zu tun. Das Hutzgüri war früher eine an der Fasnacht und an Mittfasten (vierter Sonntag nach Aschermittwoch) an vielen Orten auftretende Heischegestalt. Im Baselbiet ist das Erscheinen des Hutzgüris überall vor 1900 verschwunden, und verkam zu einem Kinderbrauch. Nach dem Verschwinden des Hutzgüris um 1870 in Sissach, wurde er als Heischebrauch armer Kinder bezeichnet. Eduard Strübin erwähnt in seinem Baselbieter Volksleben «einen Mann aus Kilchberg mit Jahrgang 1861, der das Heischen an Mittfasten als Kind selbst mitgemacht hat: «Wir verkleideten uns mit Weiberröcken, grossen Kitteln, Zipfelkappen, schwärzten die Gesichter (weil der Lehrer Larven verboten hatte) und gingen, so 10 bis 13 Buben, um Eier singen: «Hüt isch Mittfaschte, mir hei kei Chorn im Chaschte...». Einer, im Rock und mit umgehängtem Pferdegeschell, war das Hotzgüri. Man rief ihm zu: «Hotzgüri, schüttle di!» Dann sprang es auf, dass die Schellen tönten. Abends liessen wir uns von einer Frau einen Eiertätsch machen. In der Heimatkunde von 1865 von Läufelfingen können wir nachlesen, dass das Hutzgüri vor 1900 verschwunden war. Zuletzt war auch dort das Hutzgüri zu einem Bubenbrauch verkommen. Der grösste von etwa fünf bis sechs Knaben war mit einer Frauenjupe und einer hohen steifen Zipfelmütze von Karton bekleidet und mit einer fürchterlichen Fratze maskiert. An einem Strick trug er eine Anzahl Glocken um den Leib, womit er vor den Häusern einen Spektakel aufführte. Seine Begleiter trugen Körbe, Säcke und Töpfe zum Einsammeln von Brot, Eiern, Mehl, Butter und Geld. Sie gingen von Haus zu Haus und sangen: «Hutzgüri geri, Stockfisch und Eri! Gäbet mer au en Eier in Anke, I will ech dusigmole danke, Gäbt mer Mähl und Brot, Lueg, wiexs Hutzgür stoht! Wenn der is aber nüt weit geh, So wei mer ech

Chue und ­Chälber neh, Mer wei ech s Hus abdecke, Mer wei ech uferwecke.»

Im zweiten Teil dieses Heischespruchs wird gedroht, was an sich bei Heischesprüchen durchaus nichts Sonderbares ist. Die hier ausgesprochene Drohung des Hausabdeckens wurde von den Läufelfinger Kindern sicherlich nur noch als Scherz aufgefasst. Sie konnten nicht mehr wissen, dass sich dahinter ein alter Rechtsbrauch versteckt: die Teilwüstung als Strafe bei bestimmten Vergehen. 1961 am Hirsmentig Der tiefere Sinn dieses Spruches deutet darauf hin, dass der Umgang des Hutzgüris ursprünglich nicht Angelegenheit der Buben sein kann. ­Zahlreiche Belege deuten denn auch auf (ledige) Burschen als Brauchtumsträger hin, zuweilen werden auch «Jungfrauen» als Teilnehmer am Zug genannt. Im Jahr 1961 war es dann in Sissach wieder so weit. Am Abend des Hirsmentig, dem «klassischen» Baselbieter Fasnachtstag ist das Hutzgüri wieder auferstanden. Eine kleine Gruppe zog mit viel Lärm durch das Dorf. Das Hutzgüri war mit einem Fell eines frisch geschlachteten Kalbes bekleidet und trug um den Leib einen Kälberstrick, an dem Glocken befestigt waren. Die von einem Sissacher Maler gefertigte Maske sollte mit ihrem schauerlichen Aussehen die Leute in Angst und Schrecken versetzen. Damit das Untier nicht entwischen konnte, wurde es von einem Maskierten an einer Kette gehalten. Zwei Wäibelwyber sammelten die Gaben, Eier und Wein in ihren Körben ein oder nahmen einen Batzen entgegen. Man besuchte vornehmlich Leute, «die für solches Verständnis haben». Wirtschaften wurden während dem Umgang gemieden, der Überlieferung nach hätte man aber nach dem Umgang die «Rotte» schon in einer Beiz bei einem oder zwei Schluck Roten antreffen können. Nach ein paar Jahren aber verschwand das Hutzgüri wieder in der Versenkung, was von einem Teil der Bevölkerung mit Bedauern quittiert wurde. «Ein gutes Stück altüberlieferte Dämonie und Kultur würde verloren gehen», hiess es in der «Basellandschaftlichen Zeitung». Als zu allem Unglück 1973 noch die grosse Hutzgüri-Maske verloren ging, schien das endgültige Ende gekommen zu sein. Doch seit 1985 ist das Hutzgüri wieder aktiv in Sissach und das mit neuen Begleitern (nur Männer). Ein Bott, ein Schärmuuser, ein Vehdokter und drei Wäibelwyber begleiten das Untier auf seinem Heischegang. Ausgestattet mit einer neuen furchteinflössenden Maske mit Kuhhörnern und Wildsauzähnen wird es vom Schärmuuser, der mit Söiblootere vorwitzige Buben abwehrt, an einem Seil in Zaum gehalten. Die Wäibelwyber sammeln die erheischten Gaben in ihren Körben und Hutten ein, die dann am Anschluss des Umgangs genüsslich vertilgt werden Am Dienstag vor dem Hutzgüri-Umgang erscheint in der «Volksstimme» eine jeweils eher spasshafte Warnung an die Personen, die heimgesucht werden. Das Sissacher Hutzgüri stand dann auch Pate bei der Wiedergeburt des Rothenflüher Hutzgüris. Am 29. Hornig 1992 entstieg es nach einer Pause von rund 150 Jahren aus seiner Versenkung und zog mit seiner Horde durch die Gassen von Rothenfluh. Archaische Einfachheit Im Gegensatz zu den teilweise überbordenden Fasnachts­veranstaltungen, kommt der alte, aus alemannischen Zeiten stammende Heischebrauch schlicht daher. Und doch ist es gerade diese archaische Einfachheit, die diesen Brauch so faszinierend macht. Hoffen wir, dass das Hutzgüri mit seinen Kumpanen noch viele Jahre die Sissacher und Rothenflüher heimsucht und so einen beinahe vergessen gegangenen Brauch am Leben erhält. Hutzgüri x schüttle di!

HeinHeiner Oberer ist Mundartkolumnist in der «Volksstimme». Er ist der Sohn des verstorbenen Brauchtumförderers Eduard Oberer und war lange Jahre selber als Schärmuser als einer der Begleiter des Sissacher Hutzgüris unterwegs.

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