Hutzgüri Sissach
Sissach: Hutzgüri

Die Sissacher galten und gelten als gute Fasnächtler. Sie verschlossen sich den neuen Strömungen nicht, aber immer gab es Traditionsbewusste, die sich «ihre» Fasnacht nicht nehmen lassen wollten. So ist zum Beispiel der Erfolg zu erklären, den die 1906 kreierten Chluuribälle gehabt haben. An den Haupttagen der Basler Fasnacht hat auch die Sissacher einen deutlich städtischen Anflug - «manches zehrt von baslerischen Vorbildern» (HK 1984), besonders der grosse Umzug am Sonntag nachmittag. «Heute überwiegt der Waggis aus der Stadt, die geschleckte Tante aus der Stadt, und die Plagetten sind genau so fabriziert wie die aus der Stadt» (Vst 1982). Aber der Auftakt und das glorreiche Ende tragen den Sissacher Stempel. Und beidemale haben Einzelne den entscheidenden Impuls gegeben.

Bereits am Donnerstag vor der Fasnacht, also am Tage nach Aschermittwoch, geht im Dorf das Hutzgüri mit seinen Trabanten um (in den ersten Jahren war es der Hirsmontag)157. Diese alte Heischegestalt lebte sonst höchstens noch als Tadelwort für eine unordentlich gekleidete weibliche Person: «Du chunnsch jo derhäär wie nes Hutzgüri (oder: e Gutzgür)».

Ein sich um die einheimische Kultur sorgender Privatmann hatte in den fünfziger Jahren den Gedanken gefasst, dem überhandnehmen den «fasnächtlichen Allerweltsbetrieb die alte einfache und urchige Ba selbieter Dorffasnacht» entgegenzustellen 158. Er handelte nicht ins Blaue hinein, sondern studierte gründlich die einschlägige Literatur. 1961 war es dann soweit: Am Abend des «klassischen» Baselbieter Fasnachtstages, eben am Hirsmeentig, zog seine kleine Gruppe aus, nicht als «Organisation», es sollte vornehmlich ein Erlebnis für die Akteure selber sein. Das Hutzgüri war mit einem Fell bekleidet und trug am Gurt Glocken. Die Larve, die von einem Sissacher Maler hergestellt worden war, sollte mit ihrer Drohgebärde und den Kuhhörnern Schrecken erregen. Damit das Untier nicht app konnte, wurde es von einem Maskierten an einem Chetteli gehalten. Zwei Wäibelwyber sammelten Eier und Wein in ihre Körbchen, auch Geld nahmen sie entgegen. Die Gesellschaft ging durch die Gassen, weniger in die Wirtschaften als vor die Häuser bekannter Personen, «die für solches Verständnis haben». Den Heraustretenden tönte der überlieferte Heische-Spruch entgegen; man liess die Gruppe ein und bewirtete sie mit einem Trunk und Chüechli usw. Das Geld wurde für einen gemeinnützigen Zweck verwendet, etwa auch von den jungen Leuten in einer Wirtschaft vertan.

Das Erscheinen des Hutzgüri (es waren damals nicht mehr als vier Beteiligte) wurde von der Bevölkerung beifällig aufgenommen, und die Zeitungen machten jedes Jahr auf es aufmerksam und stellten es vor als «alten, urkundlich bis ins 16.Jahrhundert zurückreichenden heidnischgermanischen Heischebrauch» (BZ 1969) oder als eine Maske, die einst «als Dämon bei der Winteraustreibung dabei war» (BZ 1972). Bemerkenswert ist, dass fast zur selben Zeit Walter Eglin (1972) beim Eingang des neuen Primarschulhauses das Hutzgüri und ein weibliches Tschuuri (Wäibelwyb?) auf einem grossen Mosaik dargestellt hat - es mussten behördliche Widerstände überwunden werden: «in die Schule gehört kein Fasnachtsbild»159.

Nach einer Reihe von Jahren erlahmte allerdings der Eifer, besonders als sich der eigentliche Initiant etwas zurückgezogen hatte. Schon 1969 war bedauert worden, es wäre schade, wenn das Hutzgüri wieder verschwände, «ein gutes Stück altüberlieferter Dämonie und Kultur würde verloren gehen» (BZ). Als zu allem Unglück 1973 noch die grosse Hutzgür-Larve verloren ging, schien das ruhmlose Ende des Versuchs gekommen zu sein.

Aber nach einem Dutzend Jahren griff der Sohn des ersten Anregers die Idee des Vaters wieder auf 160, und seit der Fasnacht 1985 erscheint wieder eine Hutzgüri-Gesellschaft, nun mit erweitertem Personal (lauter Männer); das Hutzgüri hat eine neue furchteinflössende Larve, natürlich auch mit Kuhhörnern, erhalten, der Schärmuuser, mit Säublootere bewaffnet, führt es an einem Strick; dazu kommen drei Wäibelwyber mit ihren Körben und ein Vehdokter mit seinem Küfferli (seit 1989 noch ein Bott). Weil die Gefahr gross ist, dass die kleine Schar im allgemeinen Trubel der Fasnachtstage untergeht, zieht das Hutzgüri nicht mehr am Fasnachtsmontag, sondern bereits am Donnerstag vorher um. In der «Volksstimme» erscheint jeweils eine spasshafte Warnung, verbunden mit der Empfehlung von Vorsichtsmassregeln (1988): ruhig Blut bewahren, keine Feuerwehr, Polizei oder Sanität aufbieten, mit eigenen Mitteln (Tranksame oder Esswaren) das Hutzgüri beruhigen... Auch werden gleich die leicht kaschierten Namen der Opfer verraten. Am bewussten Abend lockt die Gesellschaft ihre Auserwählten unter grossem Lärm vors Haus, und es erklingt der

Heischespruch:

Hutzgürigeeri,
Suurchrutt und Beeri;
Gääbed is ringer Wy und Brot,
Lueged jetz, wie s Hutzgür stoht!
Wenn der aber nüt wäit gee,
so deue mirs halt sälber neh; Mer deu nech d Chatze strecke
Und zletscht emänd no s Dach apdecke.
Hutzgüri - schüttle di!

Das tut dieses dann auch mit Springen und Glockengeläut. Durch Gaben besänftigt, setzt es die Runde fort. Die Fressalien und die vielen guten Tropfen werden nachher mit Behagen genossen.

Ähnlich wie der Butz von Pratteln nimmt sich dieser - hier erneuerte Heischebrauch, verglichen mit den anderen Fasnachtsveranstaltungen, bescheiden aus, verfehlt aber mit seiner Beschwörung einer von Geheimnissen umwitterten Vergangenheit seine Wirkung nicht.

Aus dem Buch: Jahresbrauch im Zeitablauf von Eduard Strübin, Kulturbilder aus der Landschaft Basel
Quellen:

157 Sissach HK 1984, 172; Dominik Wunderlin, Vst 1986, Nr. 19; BZ 1989 Nr. 36 und zahlreiche weitere Zeitungsartikel.

158 Eduard Oberer-Ballmer, geb. 1913. Er hatte schon 1953 (Vst v. 13. Febr.) einen Artikel «Hutzgüri – schüttle di!» veröffentlicht.

159 HK 1984, 389, farbige Abb. nach S. 400.

160 Heiner Oberer-Buess, geb. 1954.

161 Jacques Schaub, Fasnacht in Sissach vor 70 Jahren. Vst 1972, Nr. 13.

162 Nach Vst 1982, Nr. 22.

163 Fritz Hodel-Gisin/Hans Buser-Karlen, Alt Sissach. Sissach 1980, 19 mit Bild von1935; Sissach HK 1984, 169f.; BZ 1989, Nr.41.

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