Chluriverbrennig Sissach

Ohne Feuerbrände geht es an den eigentlichen Fasnachtstagen auch in Sissach nicht. Ein offizielles Fasnachtsfeuer hat man zwar seit langem nicht mehr, schon 1863 nicht: stattdessen «findet ein Fackelzug statt» (HK 1863). So war es früher, als der von den Lehrern geordnete Laternenund Pechfackelzug für die Schulkinder einen Höhepunkt im Jahreslauf darstellte161. Hinter der Dorfmusik schritt «in wohlgeordneten Viererreihen die fackeltragende Bubenschar»; ihr folgte «der Gewalthaufen der Laternenträgerinnen, vom angehenden Abcschützen bis zur stolz einherschreitenden Sekundarschülerin». Seinen glänzenden Ausklang fand das Festchen auf dem Löwenplatz, wo Hunderte von Kleinen und Grossen das Feuerwerk bestaunten, das auf der Veranda des «Goldenen Löwen» abgebrannt wurde.

Diese Zeit ist vorbei. SeitJahrzehnten ertöntdie Klage, dass die Kinderumzüge «immer ärmlicher werden» (Vst 1965); «schön, aber zämegschrumpft». Kein Wunder, wenn so viele Familien in die Skiferien «geflüchtet» sind (Vst 1984). Dafür, so fährt der Tadler erleichtert fort, «wird der Chienbäseumzug immer länger». Tatsächlich: 1957 tat sich eine Gruppe junger Leute zusammen, verfertigten aus Föhrenholz Chienbääse, und, in schützende Emballage-Säcke gekleidet, machten sie, vom Chienberg herunter, einen eigenen Zug162. Später gliederten sie sich in den Laternen- und Wachsfackelzug der Kinder ein und bildeten bald den feuersprühenden Kopf, bald das Schwanzende der Feuerschlange. Guggenmusiken und Fasnachtsclique sorgen heute für die musikalische Untermalung. Der Chienbääsezug, der sicher auch von Liestal Anregungen empfangen hat, wird bereits als alte Sissacher Tradition empfunden. Mit Spannung wird auch immer das von der Gemeinde dargebotene Feuerwerk auf der Postterrasse erwartet.

Doch wohl eindrucksvoller als alles, was Sissach über die Fasnacht zu bieten hat, ist der Schlusspunkt, die Chluuriverbrennig auf der Allmend, dieses «Sissacher Anhängsel» am Donnerstag abend. Es handelt sich nicht etwa um das oben beschriebene Verbrennen eines Popanzes auf dem Fasnachtsfeuer, sondern um den weitverbreiteten Abschlussbrauch am Ende der närrischen Tage, sei es als Ertränken, Begraben oder Verbrennen der Fasnacht.

Der Sissacher Brauch ist also sicher nicht aus dem Nichts entstanden. Immerhin, er ist in Sissach dem Hirn eines einzelnen eingefleischten Fasnächtlers entsprungen, dem die Fasnacht am Mittwoch zu früh zu Ende ging 162. Er hatte 1933 «die ausgefallene Idee, am Donnerstag abend die Fasnacht feierlich zu beerdigen»163. Ein zurechtgebasteltes Chluuri wurde in eine sargähnliche Kiste gebettet, die zum Tragen mit zwei Bohnenstecken versehen war. Junge, etwas laute Burschen, d Staubwulche, fungierten in Leintüchern als Träger und Leichengeleite. Der Leichenzug führte unter dem Geheul der Klageweiber und gedämpftem Trompetenklang auf den Gemeindeplatz. Dort bestieg der Anführer eine improvisierte Kanzel und hielt als Pfarrer im Talar eine Abschiedsrede. Natürlich rief diese Nachäffung einer kirchlichen Zeremonie geharnischten Protesten. Da wichen die Hartnäckigen auf die Allmend aus, wo sie unter Geheul einen Popanz (einen Böögg, sagte man damals) verbrannten. Nach dem Krieg wurde er in Chluuri umgetauft, das seit 1948 zum jährlich wechselnden «Sujet» wurde, indem es meist eine gerade im Rampenlicht stehende Persönlichkeit darstellt.

Es hat sich folgender Ablauf eingespielt: Im oberen Dorfteil wird auf niedrigem Fahrgestell das Chluuri bereitgestellt; 1988 war es der Kopf eines Gemeinderats, sieben Meter hoch und fünf Tonnen schwer. Es war von vier-fünf Mann in gegen 250 Arbeitsstunden hergestellt und reichlich mit Feuerwerk bestückt worden. In der Zeitung wird jeweils «den Idealisten, die sich uneigennützig in diesen Dienst stellen» und deren Anliegen «die Erhaltung des Brauchtums ist», der gebührende Dank ausgesprochen. Den Trauerzug durch die Dorfstrassen führen trommelnde und pfeifende Cliquen an, und heulende Klageweiber in weissen Gewändern (manchmal sind es ganze Familien) begleiten das todgeweihte Chluuri. Die Guggenmusik schränzt herzzerreissend Melodien wie O mein Papa, New Orleans Function, Ich hatt einen Kameraden. Auf der Allmend hält ein Leichenredner das Abschiedspalaver, nicht ohne die während der vergangenen Festtage begangenen Formfehler u. ä. aufs Korn zu nehmen. Nach einem Trauermarsch wird der Popanz angezündet; «es zischte, krachte und donnerte, als wäre die Hölle los». Gross ist der Zulauf von Schaulustigen, auch von auswärts – «da kommen sie aus den Nachbardörfern, ja sogar aus dem Fricktal, aus Basel und andern fernen Kontinenten» (Vst 1974). 1989 nahmen an dem fantastischen Schauspiel mehrere hundert Aktive und etwa 2000 Zuschauer teil.

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